Menschenrechte in der öffentlichen Debatte
Medienstrategien zur Verteidigung von Demokratie und Meinungsfreiheit
Der Artikel 19 der Menschenrechte gewährleistet das Recht eines jeden Menschen auf freie Meinungsäußerung. Er bezieht sich auf die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten. Das digitale Zeitalter schafft unablässig Rahmenbedingungen, die schon bisher aufgrund der interaktiven Kommunikationsmöglichkeiten gänzlich neue Formen der Beteiligung am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben hervorgebracht haben. Die damit entstandene Infosphäre ist unverändert Projektionsfläche vieler Erwartungen an eine demokratische Erneuerung, spiegelt aber immer häufiger auch die Kehrseite einer auf Menschenrechte und Vielfalt bedachten Medienordnung wider.
Aktuell machen insbesondere die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten deutlich, wie weitreichend die Macht der sogenannten Bigtech-Plattformen, hier vor allem Elon Musks Portal X und Marc Zuckerbergs Konzerngigant Meta, durch Einflussnahme auf die öffentliche Meinungsbildung dem illiberalen Umbau von Politik und Staat in die Hände spielt. Tatsächlich ist das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit mit Gefahren konfrontiert. Desinformation, Fake News und Deep Fakes zählen zu den Methoden von autoritären Regierungen sowie extremistischen Parteien und Interessengruppen zur Manipulation von Wahlen und gesellschaftlichen Debatten.
Als besonders bedrohlich erweist sich aber auch die anwachsende Einschränkung der freien Meinungsäußerung im Alltag. Die großen Online-Plattformen bevorzugen und entfernen Inhalte auf Basis intransparenter Kriterien. In autoritären Regimen arbeiten sie immer öfter mit Regierungen zusammen, um Andersdenkende zu überwachen oder zu zensieren. Schließlich ist auch darauf hinzuweisen, dass die Algorithmen extreme Positionen bewusst verstärken, die meist in Form von Hassreden, Gewaltaufrufen und diskriminierenden Inhalten zum Ausdruck gebracht werden und die Polarisierung noch weiter anheizen.
Ziel der Tagung ist es, Menschenrechte vor dem Hintergrund der Veränderungen in der digitalen Medienwelt als nicht verhandelbare Säule der demokratischen Ordnung in einen zeitgemäßen Rahmen zu setzen, die Bedrohung durch die Macht der Bigtech-Plattformen zu analysieren und verständlich zu machen sowie geeignete Strategien für Medien und Zivilgesellschaft zur Verteidigung von Demokratie und Meinungsfreiheit daraus abzuleiten.
PROGRAMM
14.00 Ankommen
14.15 - 14.30 Begrüßung und Einleitung
14.30 - 16.00 Keynotes
- Toxische Infosphäre versus Menschenrechte - was hat die Politik zu tun?
Stephanie Krisper
- Vergessene Welten und blinde Flecken
Ladislaus Ludescher
- Propaganda gegen Menschenrechte? Kampagnen und Gegenstrategien
Luis Paulitsch
- Faschismusmaschinen
Corinna Milborn
16.00 - 16.20 Pause
16.20 - 17.30 Parallele Workshops
-
Hyperlokalität als Gegenmodell zu algorithmischer Polarisierung
Elisabeth Bauer, fjum - Forum Journalismus und Medien
-
Menschenrechte verteidigen – Versuch einer praktischen Anleitung
Elke Aigner, Bernd Blank, SOS Menschenrechte
-
Menschenrechte auf die Titelseite
Christine Tragler, Südwind-Magazin
17.30 - 17.45 Pause
17.45 - 19.00 Schlussdiskussion
VORTRÄGE
Toxische Infosphäre versus Menschenrechte - was hat die Politik zu tun?
Die dramatischen Veränderungen in der Medienwelt, die unter dem Einfluss mächtiger Player steht, gefährden Menschenrechte und Demokratie. Was kann und muss die Politik tun?
Stephanie Krisper ist promovierte Juristin, die als Nationalratsabgeordnete für NEOS von 2017 bis 2025 den Fokus ihrer Arbeit auf Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Anti-Korruption legte. Von 2020 an war sie zudem Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Vor ihrer politischen Tätigkeit arbeitete sie unter anderem für das Ludwig Boltzmann-Institut für Menschenrechte, die Volksanwaltschaft, das UNHCR und NGOs im humanitären sowie Flüchtlingsbereich.
Vergessene Welten und blinde Flecken
Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens
Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens ist eklatant. Nur etwa 10 Prozent der Sendezeit in den reichweitenstärksten Nachrichtensendungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz entfallen auf den Globalen Süden, obwohl dort ca. 85 Prozent der Weltbevölkerung leben. Der Impulsvortrag stellt die wichtigsten Ergebnisse einer Langzeituntersuchung von Leitmedien vor, in der etwa 8.000 Ausgaben von Nachrichtensendungen, etwa 500 Episoden von politischen Talkshows und mehr als 1.000 Ausgaben von Printmedien ausgewertet wurden.
Dr. Ladislaus Ludescher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Beziehungen sowie insbesondere die Marginalisierung des Globalen Südens in den Medien.
Propaganda gegen Menschenrechte? Kampagnen und Gegenstrategien
Im digitalen Raum fahren selbsternannte „Alternativmedien“ regelmäßig Kampagnen gegen bestimmte Personengruppen. Die Angriffe auf demokratische Institutionen beeinflussen zusehends die öffentliche Debatte. Wie kann die Gesellschaft hier gegensteuern?
Luis Paulitsch ist Jurist und Medienethiker aus Wien. Er war langjähriger Referent des Österreichischen Presserats, derzeit arbeitet er für die DATUM STIFTUNG für Journalismus und Demokratie. Im Sommer 2025 erschien sein erstes Buch „Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung“ bei Springer VS.
Faschismusmaschinen
Wie Social-Media-Monopole Radikalisierung pushen und Demokratie und Menschenrechte unterhöhlen
Corinna Milborn beschreibt soziale Medien und Plattformen wie Meta, Google/YouTube und TikTok als "Faschismusmaschinen": Sie seien nicht Räume des demokratischen Gemeinwesens, sondern werden von Algorithmen beherrscht, die durch Maximierung von Aufmerksamkeit Hass, Radikalisierung und Desinformation verbreiten und damit die Grundlagen von Demokratie und Menschenrechten zerstören.
Corinna Milborn ist Journalistin, Politikwissenschaftlerin, Autorin und Fernsehmoderatorin; nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Entwicklungspolitik in Wien, Granada und Guatemala und Tätigkeiten u.a. als Menschenrechtsbeobachterin in Guatemala, WWF-Pressesprecherin und Chefredakteurin der Menschenrechtszeitschrift Liga arbeitete sie als Politikredakteurin, stellvertretende Chefredakteurin bei News und als ORF-Diskussionssendungsmoderatorin; seit 2012 ist sie Informationsdirektorin beim österreichischen Privatfernsehsender ProSiebenSat1Puls4 und Puls24.
PARALLELE WORKSHOPS
Elisabeth Bauer, fjum - Forum Journalismus und Medien
Hyperlokalität als Gegenmodell zu algorithmischer Polarisierung
Wie Menschen ihr Recht auf Meinungsfreiheit praktisch leben können
Der Workshop zeigt, dass Meinungsfreiheit (Art. 19) nicht nur ein abstraktes Recht ist, sondern etwas, das Menschen aktiv ausüben, gestalten und verteidigen können – gerade auf lokaler Ebene. Hyperlokale Medienprojekte (von DorfTV bis Instagram, Newsletter, Podcasts, Blogs) werden als Form demokratischer Selbstermächtigung verstanden: Menschen erzählen ihre eigenen Geschichten, machen Unsichtbares sichtbar und schaffen Öffentlichkeit jenseits von Bigtech-Logiken.
Elke Aigner und Bernd Plank, SOS Menschenrechte
Menschenrechte verteidigen – Versuch einer praktischen Anleitung
Der Workshop bietet einen kompakten, praxisorientierten Einstieg in die Frage, wie Menschenrechte im Alltag geschützt, eingefordert und gestärkt werden können. Nach einer kurzen gemeinsamen Annäherung an zentrale Begriffe und Prinzipien der Menschenrechte arbeiten die Teilnehmenden anhand konkreter Beispiele und Situationen: Wo werden Rechte verletzt? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es – individuell, im Team oder in Organisationen?
Interaktive Übungen, kurze Fallanalysen und einfache Tools zur Einschätzung von Situationen helfen dabei, eigene Handlungsspielräume zu erkennen und zu erweitern. Ziel ist es, die Teilnehmenden zu befähigen, Menschenrechtsverletzungen frühzeitig zu erkennen, angemessen zu reagieren und solidarische Unterstützung zu leisten.
Christine Tragler, Südwind-Magazin
Menschenrechte auf die Titelseite
Welche Menschenrechtsthemen fehlen in den Medien - und warum? In einer offenen Redaktionssitzung entwickeln wir Schlagzeilen, journalistische Ideen und Formate, die Menschenrechte sichtbar machen und demokratische Debatten anstoßen.